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Im Angesicht des Corona-Virus

Prof. Dr. Bernd Griewing, Vorstand der RHÖN-KLINIKUM AG, erinnert sich genau, wann alles begann. Wir fragen im Interview bei ihm nach, wie der Ausnahmezustand der Corona-Pandemie gemeistert wurde – und noch immer gemeistert wird – und was die Kliniken für die Zukunft lernen können.
 

PROFESSOR GRIEWING, WANN HABEN SIE GESPÜRT, DASS MIT DEM VIRUS ETWAS AUßERGEWÖHNLICHES AUF UNS ZUKOMMT?

Unsere Virologen und andere Spezialisten erhielten bereits im Januar 2020 über ihre internationalen Netzwerke erste Informationen zu einem neuen Virus. Kurz darauf wurde der erste standortübergreifende Austausch gestartet und es wurden lokal an den Standorten erste Vorkehrungen getroffen.

>> Persönlich war für mich der 14. März prägend. An jenem Abend haben wir den ersten schwerkranken COVID-19-Patienten am RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt auf der Intensivstation aufgenommen, intubiert und beatmet. <<

An diesem Abend wurde uns die klinische Tragweite dieser Pandemie schlagartig bewusst. In den folgenden Tagen haben wir dann die Corona Task-Force gebildet, die zweimal wöchentlich zusammenkam, lokale Krisenstäbe an allen Standorten mobilisiert und die tägliche standortübergreifende Berichterstattung zur Situation eingeführt.

SIE HABEN DEN ABEND DES 14. MÄRZ BETONT. HEUTE IST GENAU EIN HALBES JAHR VORBEI. WAS HAT SICH SEITDEM ENTWICKELT?

Unser Klinikalltag war und ist in Zeiten von Corona ein anderer. Alle unsere Mitarbeiter haben in den letzten Monaten Herausforderungen gemeistert, Großartiges geleistet und zum Teil Unmögliches möglich gemacht. Das haben wir der hervorragenden Teamarbeit zu verdanken. Wir haben es geschafft, zu jeder Zeit genügend Kapazitäten für medizinische Notfälle vorzuhalten. Zum Schutz von allen haben wir ein umfangreiches Hygienekonzept aufgestellt. Corona-Patienten werden so isoliert von anderen Erkrankten behandelt.

>> Wenn ich es zusammenfassen darf: Corona – das bedeutet für uns ein neuer Alltag in allen Facetten: medizinisch, pflegerisch, organisatorisch, in der Forschung, im Einkauf, in der Hygiene und auf Station. <<

WAS DENKEN SIE, WIE HABEN DIESE WOCHEN DIE REPUTATION IHRER KLINIKEN VERÄNDERT?

Vier von fünf unserer Klinikstandorte sind überregionale medizinische Schwerpunktzentren. Wir verfügen daher in unserem Unternehmen über große Intensivkapazitäten und über die Spezialisten in der Intensivmedizin, Infektiologie oder Pulmonologie, die besonders gefordert waren. Dazu kommt unser Netzwerk zwischen universitären und nicht universitären Einrichtungen, zum Beispiel in der Labormedizin und Krankenhaushygiene. Unsere Experten, die Geschäftsführungen und die Vorstandskollegen sind in beratenden sowie koordinierenden Gremien der jeweiligen Kommunen und Bundesländer und auch für den Bund in Berlin tätig. Ich glaube, das ist eine gute Bestätigung unserer Arbeit und Expertise.

WIE SEHEN SIE SICH AUF EINE MÖGLICHE WEITERE INFEKTIONSWELLE GERÜSTET?

Darauf sehen wir uns gut vorbereitet. Wir haben in den letzten Monaten viel bewältigt und unseren Klinikbetrieb durch entsprechende Maßnahmen auf steigende Infektionszahlen gerüstet. Am Herzen liegt uns insbesondere die Einhaltung von hygienischen Anforderungen. Die Kliniken haben umfangreiche Konzepte zur Patientensteuerung entwickelt, um Ansteckungen zu vermeiden.

>> Im Falle einer weiteren Infektionswelle können die Standorte flexibel auf die jeweiligen regionalen Entwicklungen reagieren. Dabei stehen die Kliniken in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Gesundheitsamt. <<

UND WAS ÄNDERT CORONA LANGFRISTIG?

Das ist schwer abzuschätzen. In den letzten Monaten verzeichneten alle Kliniken bundesweit weniger Patienten mit beispielsweise Herz- und Kreislauferkrankungen oder Schlaganfällen. Viele Patienten scheuten unberechtigt, aus Angst vor Corona, den Gang zum Arzt. Wir müssen abwarten, welche möglichen gesundheitlichen Folgeerscheinungen daraus entstehen. Was die Versorgungslogistik in unseren Kliniken betrifft, werden wir uns langfristig und insgesamt auf die Erkenntnisse aus der Corona-Krise einstellen müssen. Es wird also insbesondere aus hygienischer Sicht andauernde Veränderungen für Patienten, Angehörige und vor allem Mitarbeiter geben.

>> Auch der Digitalisierung rechne ich einen enormen Stellenwert zukünftig zu. Es wird immer wichtiger sein, alternative Betreuungs- und Versorgungsmöglichkeiten anzubieten. <<

So wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Hirsch, der Professor für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der Philipps-Universität Marburg, die Web-App „COVID-Online“ entwickelt. Menschen mit „Corona-Symptome“ erhalten die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit für eine Covid-19-Infektion und ihre Risikodisposition einzuschätzen. Das Uniklinikum Marburg und seine Partner möchten so den Patientenstrom mit Corona-Anfangsverdacht in der Region Marburg-Biedenkopf besser steuern.

IN DEN MEDIEN WIRD DERZEIT VIELFÄLTIG ÜBER DIE BEKÄMPFUNG DES CORONA-VIRUS BERICHTET. WIE SEHEN SIE DIESE ENTWICKLUNG?

>> Mit Hochdruck arbeiten Kollegen daran, einen Impfstoff und ein Medikament zu erforschen. Dabei profitieren wir von der direkten Anbindung an universitäre Forschung und Lehre des Universitätsklinikums Gießen und Marburg. <<

Wir sind sehr stolz darauf, dass Herr Professor Becker, der Direktor des Instituts der Virologie an der Philipps-Universität Marburg, gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Ende September in die klinische Phase der Impfstoffentwicklung starten möchte. Der Impfstoff wird dann an circa 30 Probanden getestet. Auch Frau Professor Herold arbeitet an einer klinischen Studie. Sie ist als Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge an der Julius-Liebig-Universität Gießen tätig. Mit ihrem Team untersucht sie die Entwicklung eines Medikaments, das auf einem kleinen Protein, einem natürlichen Botenstoff, basiert. Dadurch soll das Leid von Corona-Patienten gemindert werden. Wir hoffen, Ihnen bald weitere Ergebnisse liefern zu können.

KÖNNEN SIE DIE GESTIEGENE AUFMERKSAMKEIT AUS DEN LETZTEN MONATEN FÜR DIE KLINIKEN NUTZEN?

Wir haben außer der Aufmerksamkeit ja vor allem noch mehr Vertrauen in unsere Arbeit geschaffen. Man hat uns an vielen Stellen als verlässlichen Partner in einer äußerst schwierigen gesundheitspolitischen Situation erlebt. Wir haben uns nicht vor Verantwortung gedrückt, die medizinische Versorgung von Menschen hatte in jeder Hinsicht Vorrang. Man wird uns daher bei der Gestaltung der Gesundheitsversorgung noch mehr als vor der Pandemie fragen. Diese Verantwortung sollten wir dann auch als Chance annehmen.