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Therapie

Auf der nuklearmedizinischen Therapiestation werden die peptidvermittelte Radiorezeptortherapie und andere nuklearmedizinische Therapieverfahren durchgeführt, als einzige Klinik in Deutschland mit dem schonenden Lutetium-177 in Kombination mit Yttrium-90. Auch Spezialverfahren, wie die intraarterielle Radiorezeptortherapie (z.B. zur Behandlung nichtoperabler Primärtumore), wurden in Zusammenarbeit mit der interventionellen Radiologie erstmals auf der Welt entwickelt.


1. Information zur Radiorezeptor–Tumortherapie (RRT)

2. Therapie neuroendokriner Tumore

 

1. Information zur Radiorezeptor–Tumortherapie (RRT)

Was sind neuroendokrine Tumore?
Neuroendokrine Zellen befinden sich zur Produktion verschiedener Hormone in jedem menschlichen Körper. Für eine erforderliche Zellerneuerung kommt es in bestimmten Zeitintervallen zur Zellteilung. Diese Teilung kann (beispielsweise bei geschwächtem Immunsystem) zur Fehlbildungen neuer Zellen führen, die sich infolge veränderter Erbinformationen häufiger teilen und sich somit unter Verdrängung gesunder Zellen zu einem neuroendokrinen Tumor entwickeln. Gegenüber anderen Tumorarten (Karzinomen) haben neuroendokrine Tumore meistens ein deutlich langsameres Wachstumsverhalten.
Häufig bilden neuroendokrine Tumorzellen auch Hormone (z.B. Serotonin). Die dadurch entstehende Symptomatik (Karzinoid-Syndrom) können sein: Rötung des Kopf- und Halsbereichs (Flush), Durchfall, Alkoholunverträglichkeit, Haut¬veränderungen, asthmaähnliche Beschwerden und u.v.a.m.

Wirkungsweise der Radio-Rezeptor-Therapie
s. Schema
An der Oberfläche neuroendokriner Tumore befinden sich in hoher Zahl spezielle Somatostatin-Rezeptoren. Diese Rezeptoren („Haftstellen“) wirken auf das Hormon Somatostatin (SMS) wie ein Magnet. Hat ein Hormon am Rezeptor angedockt, werden über diesen Informationen an die neuroendokrine Zelle weitergegeben. Nachdem eine dem Hormon Somatostatin ähnliche Substanz (ein Peptid) pharmazeutisch herstellbar ist, nutzt man diese Peptid als Träger für radioaktive Partikel (Yttrium-90 oder Lutetium-177), die dann gleichfalls innerhalb weniger Minuten nach der Injektion an die Rezeptoren der neuroendokrinen Tumorzellen andocken, über Tage dort verbleiben, die Tumorzellen bestrahlen und dadurch vernichten.

Beschreibung des Therapieablaufs
Vor der Therapie muss mittels einer SMS-Rezeptor-PET/CT die Indikation zur Durchführung einer Radio-Rezeptor-Therapie überprüft werden (Dauer: ein Tag, kann ambulant in der Zentralklinik Bad Berka erfolgen). Bei positivem Ergebnis wird die Therapie stationär durchgeführt. Sie dauert mit den notwendigen Vorunter¬suchungen (Nieren-Sequenz-Szintigraphie, PET/CT, evtl. MRT) etwa 5-7 Tage und kann je nach Erfordernis in größeren Zeitabständen (nach 3 bis 4 Monaten) wiederholt werden (insgesamt bis zu 6-8 Kurse über mehrere Jahre).
Die Therapiesubstanz wird langsam als Infusion über ca. 15 Minuten intravenös verabreicht. Zur Vermeidung einer Schädigung der Nieren, die die radioaktive Therapiesubstanz ausscheiden, werden diese im unmittelbaren Zeitraum vor und nach der Injektion durch Aminosäure-Infusionen und spezielle Gelatine-Lösungen (Gelafusal) geschützt.
Nach der Injektion werden in der Regel durch szintigraphische Ganz¬körperaufnahmen, die während des stationären Aufenthalts täglich wiederholt werden, Kontrollen zur Speicherintensität im Tumor sowie zum Abbau der Therapiesubstanz im übrigen Körper durchgeführt. In der Zeit des stationären Aufenthaltes und in den Tagen danach wird eine stark erhöhte Flüssigkeitsaufnahme (2-4 Liter täglich) empfohlen.
Das Therapieergebnis wird nach ca. 3-4 Monaten durch eine erneute SMS-Rezeptor- PET/CT kontrolliert. In der Zwischenzeit ist eine Betreuung durch den Hausarzt oder Onkologen am Wohnort (2- bis 4-wöchentliche Laborkontrolle der Nieren- und der Leberwerte sowie des Blutbildes) notwendig.


Nebenwirkungen der Therapie
Allgemein wird die Therapie ohne bzw. ohne wesentliche Nebenwirkungen toleriert.
Folgende Nebenwirkungen sind möglich (müssen jedoch nicht auftreten):
• Sehr selten können allergische Reaktionen unter der Verabreichung auftreten
• Kopfschmerzen, Übelkeit (über Minuten bis zu 2 Tagen anhaltend)
• Müdigkeit (über Tage bis zu 3 Wochen anhaltend)
• Erhöhte Flush-Symptomatik (über mehrere Tage, oft Anzeichen einer Tumor¬antwort)
• Längerfristig wurden nach Jahren und bei hochdosierter Behandlung Nierenschäden bis hin zur Dialysepflichtigkeit beschrieben. Unter Einsatz von Aminosäuren (die Infusion wird bis auf gelegentlich auftretende Übelkeit oder Brechreiz ohne Nebenwirkung gut vertragen) sind bisher keine wesentlichen Nierenschädigungen aufgetreten.
• Insbesondere bei Patienten mit Knochenmetastasen kann es zu einer Reduzierung der weißen bzw. roten Blutzellen oder der Blutplättchen kommen, die sich aber meist innerhalb weniger Wochen regenerieren.

 

Erfolge mit dieser Therapie

Die folgende Tabelle zeigt die Wirkungen (lt. Kriterien der WHO ) nach Abschluss der Therapie, d.h., nach wiederholter Radio-Rezeptor-Tumortherapie .
 

Totale Rückbildung der Tumore

bei 2 %

Rückbildung um mehr als 50 % des Tumor-Volumens vor der Behandlung

bei 22 %

Rückbildung zwischen 50 % und 25 % des Tumor-Volumens vor der Behandlung

bei 12 %
Stabiles Tumorverhalten (kein weiteres Wachstum) bei 49 %

  
 
  

Radio-Rezeptor-Tumortherapie (RRT)
Schematische Darstellung der peptidvermittelten Bestrahlung

 

 

2. Therapie neuroendokriner Tumore

Neben der Radionukleotidtherapie werden an der Zentralklinik Bad Berka weitere Therapieverfahren durchgeführt. Vor allem bei nicht Somatostatin-Rezeptor exprimierenden Tumoren ist der differenzierte Einsatz der verschiedenen Therapiemöglichkeiten entscheidend für den weiteren Verlauf der Erkrankung. Von der Bio-Therapie bis zur Chemotherapie werden am Zentrum für Neuroendokrine Tumore der Zentralklinik Bad Berka alle modernen Therapieformen angeboten. Neu und viel versprechend sind die so genannten molekularen Wirkstoffe, die gegen einzelne Zielproteine in der Zelle gerichtet sind. Diese in Erprobung befindlichen Medikamente werden in mehreren Studien an der Zentralklinik getestet um unseren Patienten jederzeit die modernste Therapie anbieten zu können.

Die Therapie neuroendokriner Tumoren beinhaltet zwei Strategien. Zum einen soll das Wachstum der Tumoren kontrolliert werden und zum anderen die Ausschüttung von Hormonen oder Botenstoffen, wie zum Beispiel dem Serotonin gehemmt werden.

Die Entfernung des Tumors und seiner Tochtergeschwülste durch Chirurgie ist im Idealfall komplett und kann so zu einer Heilung der Erkrankung führen. Die weitere Behandlung konzentriert sich daher auf regelmäßige Nachuntersuchungen. Auch bei nicht kompletter Entfernung des Tumors kann eine weitgehende Entfernung des Tumors den weiteren Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen, da zum einen die Streuherde wegfallen und zum anderen die Behandlung auf die restlichen Tumoren konzentriert werden kann. Vor allem die Resektion von Tochtergeschwülsten in der Leber an einem spezialisierten Zentrum ist oft von entscheidender Wichtigkeit für den Verlauf der Erkrankung.

Tochtergeschwülste in der Leber zapfen vor allem die Leberarterie an und können so verödet werden. Diese Verödung kann mit einer lokalen Chemotherapie kombiniert werden (Chemoembolisation). Auch eine Verödung der Tochtergeschwülste durch eine kontrollierte Erhitzung oder die Instillation von Alkohol ist möglich.

Liegen nur Tochtergeschwülste in der Leber vor die aber nicht komplett entfernt werden können, besteht im Einzelfall eine Indikation zur Lebertransplantation. Die Lebertransplantation kann auch durch eine Lebendspende erfolgen, bei der nur ein Teil einer Leber transplantiert wird, erfolgen. Eine Lebertransplantation erfordert allerdings eine Unterdrückung des Immunsystems zur Verhinderung der Abstoßung.

Die medikamentöse Behandlung umfasst die Gabe von Wirkstoffen, die wie das körpereigene Hormon Somatostatin wirken und gespritzt werden müssen (z.B. Sandostatin oder Lanreotid). Diese Stoffe binden an Andockstellen von Somatostatin, die oft auf den neuroendokrinen Tumoren überexprimiert werden. Die Somatostatin-Analoga Sandostatin und Lanreotid und auch neuere Substanzen wie SOM230 wirken vor allem gegen eine Überproduktion von Botenstoffen oder Hormonen durch die neuroendokrinen Tumoren und können auch das Wachstum hemmen. Auch die Gabe von Interferon-alpha kann bei einzelnen neuroendokrinen Tumoren eine Verlangsamung des Wachstums bewirken.

Eine Chemotherapie kann bei neuroendokrinen Tumoren, die schnell wachsen oder von der Bauchspeicheldrüse ausgehen, durchgeführt werden. Viele Therapieformen, die bei anderen Tumoren mit Erfolg angewandt werden, sind bei den neuroendokrinen Tumoren jedoch wirkungslos, sodass die Behandlung mit Chemotherapie spezialisierten Zentren vorbehalten werden sollte.

Von besonderer Bedeutung ist die unterstützende Behandlung bei Patienten mit einem neuroendokrine Tumor um die Beschwerden durch den Tumor zu lindern und Folgeschäden zu vermeiden. Medikamente, die Durchfall verhindern oder Mangelerkrankungen vorbeugen, sind hierfür Beispiele. Zudem ist auf eine ausreichende Ernährung zu achten um zu verhindern, dass Mangelerscheinungen auftreten oder das Immunsystem geschwächt wird.

Insgesamt sollte die Behandlung von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren an Zentren mit der notwendigen Erfahrung durchgeführt werden und mit Fingerspitzengefühl für jeden einzelnen Patienten maßgeschneidert werden.